Sie können zwar in der Strategie Digitalisierung als Ziel definieren: Wenn Führungskräfte jedoch die konkreten Ansätze im Kern für eine Spielerei oder gar Spinnerei halten, werden Sie keinen Fuß auf den Boden der neuen Wirtschaft bekommen. Gerade weil die Digitalisierung / Industrie 4.0 / Plattformökonomie einen so radikalen Umbruch mit sich bringt, werden die Auswirkungen und Veränderungen ähnlich groß sein wie bei der Industriellen Revolution im 19. Jahrhundert. Und genauso wie damals wird für die meisten Betriebe kein Stein auf dem anderen bleiben. Was vorher handwerklicher Ethos war, ist einer scheinbar unverbindlichen und herzlosen industriellen Logik gewichen. Viele Unternehmen haben auch damals den Wechsel nicht geschafft, weil sie die neuen Regeln einerseits nicht erkannt, andererseits - und das ist viel entscheidender - einfach nicht angenommen haben. Und auch mit der Digitalisierung führen wir einen ähnlichen Kampf: Statt die Chancen unternehmerisch zu nutzen und die negativen Effekte gesellschaftspolitisch rechtzeitig durch neue Regeln abzufangen, lassen wir uns letztlich hineintreiben. Über die US-Firmen und China zu schimpfen und dabei auf die guten alten Zeiten anzustoßen, ist leider oft die Reaktion im entspannten Umfeld der Kantine und in den Konferenzgängen. Und da hilft es gar nichts, dass im Hochglanzprospekt die beschlossene Digitalisierungsstrategie abgefeiert wird. Es gilt auch hier: Die Unternehmenskultur vernascht die Strategie schon beim Frühstück! Aus dieser kurzen und skizzenhaften Diagnose wird deutlich, dass Unternehmen vor dem Hintergrund der Digitalisierung eine doppelte Herausforderung zu meistern haben:
- Einerseits gilt es Know-How und Expertise zur Digitalisierung aufzubauen und diese in die Leistungen, Produkte, Beziehungen und Prozesse zu integrieren.
- Andererseits gilt es auch eine neue Unternehmenskultur zu schaffen, in der die neuen Denkweisen und Spielregeln der Digitalisierung positiv bewertet und daher in den vielen notwendigen Entscheidungen des Alltags positiv integriert werden. Es geht also um nichts weniger als um eine Radikalkur hin zu einer Unternehmenskultur für die Digitalisierung.
Während sich das das Know-How zumindest noch zukaufen lässt, auch wenn das unter der aktuellen Fachkräftesituation nicht einfach ist, so ist der Umbau der Unternehmenskultur der deutlich anspruchsvollere Auftrag. Ein erfolgsversprechender Weg besteht darin ein neues Unternehmen zu gründen: Mit einer neuen Führungstruppe und einem radikal anderen Geschäftsmodell - Nespresso steht genau für diesen Weg einer radikal veränderten Kultur gegenüber der Mutter, welcher erst dieses Produkt und die damit verbundene Marktbearbeitung ermöglich hat. Vor dem Hintergrund einer hungrigen und sich als benachteiligt erlebten nächsten Generation ist das sicherlich ein guter Weg, um etwas Neues aufzubauen. Doch gerade diese Jungen wollen sich nicht in alte Logiken einbinden lassen, sondern einen anderen, einen eigenen Weg gehen. Start-Ups einzukaufen und zu integrieren führt genau wegen dieser Kulturfrage meist nur zu hohen Kosten und Frust auf beiden Seiten.
Daher wird den meisten Unternehmen im Übergang nichts anderes übrigbleiben als sich dieser Kulturarbeit zu stellen. Und das Brutale dabei ist, dass bei Eintrübung der Lage unsere Entscheidungen und Prioritätensetzungen nach den gut eingeübten Mustern und Regeln und nicht nach den neuen “unsicheren” Erwartungen fallen. Nicht umsonst verschwinden erfolgreiche Unternehmen immer rascher vom Markt – trotz vorangegangener Analysen und Strategien.
Was hier also notwendig ist - gerade weil es sich dabei um einen so radikalen technologischen Wandel handelt - ist eine Radikalkur für die eigene Unternehmenskultur.