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Destruktive Teams
April 30, 2024

Warum eigentlich: Müssen?

Mit Licht Stahl schneiden - lange Zeit Science-Fiction

Aber ist es wirklich so? Oder unterliegen wir hier einem Trugschluss? Das Titelbild soll zum Nachdenken anregen. 

Mit Licht Stahl schneiden können - das war lange Zeit Science-Fiction.

Mit Licht Stahl schneiden zu können, war bis in den 1970er-Jahren reine Science-Fiction.
Bild: Mit Licht Stahl schneiden zu können, war bis in den 1970er-Jahren reine Science-Fiction. Erst dann beginnt die industrielle Nutzung des Lasers. Und selbst die theoretischen Grundlagen sind erst gute 100 Jahre alt. Davor war mechanisches Auftrennen alternativenlos! Bildquelle: Optischer Laser, https://www.pexels.com/photo/close-up-shot-of-cnc-lasers-7254428/

Die Geschichte vom Laser (siehe Bild) könnte ein Beispiel dafür sein, dass wir eher einem Trugschluss unterliegen. Ein weiteres Beispiel möchte ich hier anführen: Wer vor 50 Jahren eine Revolution auf Sand bauen wollte, wäre wohl als Wahnsinnige*r beschimpft worden. Heute ist Silizium das Schlüsselelement der Digitalisierung und DER Transformation unserer Gesellschaft und Wirtschaft. Aber selbst diese sehr jungen wirklich revolutionären Entwicklungen, die sich in kurzer Zeit wirklich tiefgreifend auf die Wirtschaft und die ganze Gesellschaft ausgewirkt haben, erzeugen bei uns keinen Mut, sondern verstärken noch das Gefühl, dass wir einer Steigerungslogik unterworfen sind, die wir nicht mehr beherrschen.

Wie konnte so etwas am Kontinent der Aufklärung passieren? Wieso glauben wir individuell, als Unternehmen, als Branche, ja als ganzer Kontinent, dass wir „müssen“ müssen oder sonst untergehen werden. Wie stolz waren wir in einer Gesellschaft leben zu dürfen, die zu Recht das „Ich-Will“ vor das „Ich-Muss“ gestellt hat! Und nun sind wir im Krisenmodus und erleben uns dabei immer stärker in Zwangssituationen, aus denen wir scheinbar nur mehr entkommen können, wenn wir genau dies oder jenes tun – also zwingend tun müssen! [1] Und wer dann nicht genau das tut, wird rasch als Beitragstäter*in zum zwingenden Untergang wahrgenommen (um es etwas polemisch zu formulieren) und nicht etwa als innovativ. [2]

Es hat sich schleichend fast in allen Bereichen ein bedingungsloses Müssen eingeschlichen: Ich muss diese Ausbildung machen, wir müssen diesen Markt erobern, wir müssen dieses Produkt sofort auf den Markt bringen, wir müssen diesen Standort schließen, wir müssen …, weil wir sonst den Anschluss verlieren. Dass wir irgendetwas wollen könnten, kommt da praktisch nicht mehr vor.

In diesem Beitrag möchte ich dieser hinderlichen Haltung etwas entgegenstellen. Und zwar einen differenzierteren Zugang zu diesen scheinbaren Zwangslagen:

  • Trugschluss der notwendigen Optionenvielfalt: Im Gegensatz zu früheren Generationen stehen uns heute sehr viele Möglichkeiten und viel mehr Reichweite zur Verfügung. Allein das Internet oder die Anzahl an Bildungsangeboten machen das deutlich. Doch dieses Mehr an Auswahlmöglichkeiten führt offensichtlich nicht zu einem erwartbaren Optimismus oder gar zu Glücksgefühl. Der Soziologe Hartmund Rosa [3] meint, dass wir dabei einem kulturellen Irrtum unterliegen, indem wir die ganze Energie auf das Erschließen von weiteren Optionen richten, anstatt darauf, die gewählten tatsächlich umzusetzen. In meinen Worten würde ich sagen, es ist nicht so wichtig 1000 Möglichkeiten zu haben, sondern aus wenigen gewählten etwas zu machen. Dranbleiben und Zufriedenheit wären da die hilfreichen Tugenden. Und Meisterschaft im überlegten Handeln der Zugang. Die hundertste Methode, eine weitere Besprechung, das nächste ultimative Strategiepapier, etc. werden wenig nutzen, wenn ich die bisherigen schon nicht vernünftig angewendet haben.
  • Trugschluss der Alternativenlosigkeit: Ich begegne selbst in innovativen Organisationen immer öfter der Formulierung, dass wir in einer bestimmten Situation jetzt genau so und nicht anders reagieren müssten, weil sonst alles den Bach hinuntergeht. Was dabei schmerzlich übersehen wird, ist die Tatsache, dass wir es in den Organisationen und Teams fast immer mit komplexen Fragestellungen zu tun haben. Und Merkmal solcher komplexen Fragestellungen ist, dass diese überhaupt nicht einfach-kausal funktionieren, dass also die Antwort „dann müssen wir genau das machen“ grundlegend – weil methodisch – falsch ist. Wir merken das ja praktisch immer wieder daran, dass Menschen anders reagieren als wir „geplant“ haben. Was es braucht? Den Gedanken zuzulassen, dass es, erstens, ganz andere Lösungswege geben könnte und diese, zweitens, sogar bessere Ergebnisse liefern könnten. Diese Haltung schafft eine völlig neue unternehmerische und persönliche Freiheit! Und vor allem: Sie erzeugt eine positive Energie bei den Menschen.
  • Trugschluss der bedingungslosen Freiheit: Eine weitere sehr auffällige Entwicklung ist, dass immer dann, wenn es um grundlegendere Veränderungen geht, die Forderung in den Raum gestellt wird, dass nur Freiwilligkeit zu deren Bewältigung das Mittel der Wahl sein sollte. Dabei wird diese Grundidee praktisch auf allen Ebenen verwendet, egal ob es sich um wirtschaftspolitische, gesellschaftspolitische, persönliche oder um unternehmenspolitische Fragen handelt. Es geht dabei immer um erlebte Zwangslagen, die offensichtlich nur mit Maßnahmen gelöst werden können, die selbst freiwillig sein müssen. Dass allein in dieser Aussage ein Widerspruch liegen könnte, wird dabei gar nicht mehr in Betracht gezogen. Wir sollten viel mehr anerkennen, dass uns eine Zwangslage – wie das Wort schon sagt – vor eine Situation stellt, in der Freiheitsgrade eingeschränkt sind, es also schlicht Einschränkungen gibt. Wer diese nicht erkennt, agiert wie ein kleines Kind, das laut im Wald singt, damit es die Geister vertreibt. Viel intelligenter ist es die Nicht-Freiwilligkeit einer Situation im ersten Schritt anzuerkennen und diese bedingenden Einschränkungen im zweiten Schritt als Hilfe und Unterstützung zu verstehen und nicht als zu vermeidende Bürde. Ob wir es wollen oder nicht, wir Menschen laufen gerade dann zur kreativen Hochform auf, wenn wir etwas umgehen müssen, also Einschränkungen vermeiden wollen.
  • Trugschluss des Faktischen/Operativen: Während frühere Kulturen an das Schicksal und die Aufklärung an die Kraft des menschlichen Geistes geglaubt hatten, scheint heute die Kraft des Faktischen zur „allgemeingültigen Regel für alles“ geworden zu sein. Dabei würden uns selbst die zu Beginn genannten Beispiele der Glasfaser- und Schneidelaser-Technologie zeigen, dass das Gegenteil wahr ist: Beide Technologien haben das davor faktisch einzig Mögliche völlig verändert! Wenn Sie an die transformative Kraft der Digitalisierung und künstlicher Intelligenz denken, wird das heute operativ Faktische laufend ausgehebelt. Was wir offensichtlich zunehmend vernachlässigen, ist das Potential strategischen Denkens und Handelns: Wir Menschen entscheiden uns aktiv, ob wir uns von den Mühen und Beschränkungen der Vergangenheit oder von der Kraft und Freude einer gewünschten Zukunft lenken lassen. Wenn das nicht so wäre, würden wir uns noch immer in einer steinzeitlichen Jäger- und Sammler-Gemeinschaft befinden.

Kurzum: Es ist eine persönliche und unternehmerische Entscheidung, ob wir uns mehr auf das konzentrieren, was wir ersehen, oder mehr auf das, was wir fürchten. Die Frage von „Wollen“ oder „Müssen“ ist keine Schicksalsfrage, ja nicht einmal ein Widerspruch: „Wenn ich schon muss, dann freiwillig!“ (angeblich ein Zitat von Ignatius von Loyola). Dinge, die anstehen und zu tun sind, können auch mit Freude und Lust getan werden! Das gibt mir niemand vor, das ist meine aktive Entscheidung!

Dass Ihnen/Dir dieser Shift im Denken und Handeln für die anstehenden Transformationsprozesse bestmöglich gelingen möge, wünsche ich von ganzem Herzen. Und wenn ich dazu durch die hier beschriebenen Zugänge zu Ihren/deinen aktuellen Fragestellungen einen Beitrag leisten kann, würde mich das sehr freuen.

Ihr Dr. Kurt Schauer

Menschen verbinden ∞ Zukunft gestalten

[1] Eine Beobachterin von außen, würde sich wohl wundern, dass wir offensichtlich wieder zu den alten Geschichten der Antike und des Mittelalters zurückkehren, in denen wir Menschen dem Schicksal völlig machtlos gegenüberstehen und selbst die Held*innen letztlich nur scheitern können und werden!

[2] Selbst der Begriff Querdenker*in war in meiner Studienzeit noch das höchste Lob, das man einem wirklich innovativen Universitätsprofessor bzw. einer Universitätsprofessorin aussprechen konnte. Und heute?!

[3] Wer sich in das Thema vertiefen will, dem kann ich jedes der Bücher sowie Vorträge und Interviews des Soziologen Hartmund Rosa wärmstens empfehlen.

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Warum eigentlich MUESSEN
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